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Das ist meine Theke!


Die kleine Kneipe liegt in einer Seitenstraße unweit des Kieler Hafens. Von außen wirkt sie unscheinbar, fast so, als würde man leicht daran vorbeilaufen. Drinnen aber herrscht eine warme, lebendige Atmosphäre. Gläser klirren, leise Musik läuft im Hintergrund, und hinter der Theke steht Katja – von allen hier nur „Kata“ genannt. Mit ihren Pin-up-Kleidern, dem roten Lippenstift und ihrer direkten Art gehört sie inzwischen genauso zum Inventar wie die alte Holztheke oder die Stammgäste, die jeden Abend auf ihr Feierabendbier vorbeischauen. Wer sie heute so erlebt, selbstbewusst und mit einem trockenen norddeutschen Humor, kann kaum erahnen, dass ihr Leben vor einigen Jahren komplett aus den Fugen geraten ist. Denn der Weg hinter diese Theke begann nicht mit einem Traum – sondern mit einem Scherbenhaufen.

Als das alte Leben zerbrach
Viele Jahre lang führte Katja ein scheinbar normales Leben. Sie lebte mit ihrem Partner zusammen, plante eine gemeinsame Zukunft und glaubte, dass sie auf einem sicheren Weg unterwegs war. Doch hinter der Fassade begann es langsam zu bröckeln. Ihr Lebensgefährte verschwieg finanzielle Probleme, traf Entscheidungen ohne sie einzuweihen und zog sie immer tiefer in Schwierigkeiten hinein. Irgendwann standen nicht nur Schulden im Raum, sondern auch der drohende Weg in die Privatinsolvenz.
Gleichzeitig zeigte sich der Partner aber völlig unberührt. Er war sich keiner Schuld bewusst.  Während Katja versuchte, mit dieser Situation umzugehen, zu retten was es zu retten galt, wurde ihr von ihrem Partner immer häufiger die Schuld zugeschoben. Aus Frust begann sie mehr zu essen, nahm zu – und hörte schließlich den Satz, der alles endgültig veränderte: Sie sei dem Partner zu fett geworden. Die Trennung folgte kurz darauf. Er verließ sie. Für Katja war dieser Moment unglaublich schmerzhaft, aber auch ein Moment der Klarheit. Irgendwann verstand sie, dass sie aus diesem Leben ausbrechen musste, wenn sie wieder Luft zum Atmen haben wollte.



Ein radikaler Neuanfang
Katja traf eine Entscheidung, die nicht jeder getroffen hätte: Sie packte ihre Sachen, verließ ihren Heimatort und begann noch einmal komplett von vorne – in Kiel. Eine neue Stadt, ein neues Umfeld, keine alten Erinnerungen an jeder Straßenecke. Am Anfang war vieles unsicher. Geld war knapp, Zukunftspläne gab es kaum, dass Insolvenzverfahren hing an ihr wie ein ungnädiger Schatten. Durch einen Zufall bekam sie die Möglichkeit neben ihrem Job als Verkäuferin, abends in einer kleinen Kneipe auszuhelfen. Zunächst war es nur ein Nebenjob, ein paar Abende hier und da, um über die Runden zu kommen. Doch schon nach kurzer Zeit merkte Katja, dass ihr diese Arbeit lag. Hinter der Theke begegneten ihr Menschen, die Geschichten mitbrachten. Arbeiter vom Hafen, Studenten, Musiker, Stammgäste, die jeden Abend auf ein Bier vorbeischauten. Die Gespräche waren ehrlich, manchmal laut, manchmal melancholisch, aber immer direkt.


Von der Aushilfe zur Wirtin

Was als kleine Aushilfe begann, wurde langsam zu mehr. Katja übernahm zusätzliche Schichten, lernte den Laden kennen und wurde für viele Gäste schnell zur festen Konstante hinter dem Tresen. Sie wusste, wer sein Bier lieber ohne Schaum trinkt, wer nach Feierabend einfach nur seine Ruhe haben will und wer auf ein Gespräch hofft. Etwa ein Jahr später machte ihr der damalige Besitzer ein Angebot, mit dem sie nie gerechnet hätte. Er wollte die Kneipe abgeben – und fragte Katja, ob sie sich vorstellen könne, den Laden zu übernehmen. Für sie war das zunächst kaum vorstellbar. Doch je länger sie darüber nachdachte, desto klarer wurde ihr: Genau hier hatte sie sich ein neues Zuhause aufgebaut. Also sagte sie zu. Heute führt Katja die Kneipe mit einer Mischung aus Herzlichkeit, Humor und einer Portion klarer Worte, wenn es nötig ist. Viele Gäste sagen inzwischen: Ohne Kata wäre dieser Laden einfach nicht derselbe.

Eine Liebe, die sie nicht gesucht hat
Mit dem neuen Leben kam auch etwas, womit Katja lange nicht gerechnet hatte. Während ihrer Zeit in der Kneipe lernte sie eine Frau kennen. Erst waren es Gespräche an der Theke, dann gemeinsame Abende, irgendwann entstand daraus mehr. Für Katja fühlte sich diese Entwicklung nicht wie ein großer Umbruch an, sondern eher wie eine natürliche Begegnung zweier Menschen, die sich verstehen. Heute gehen beide ihren Weg gemeinsam – ruhig, ohne großes Aufheben darum zu machen.

Die Kamera als zweite Leidenschaft
Neben der Kneipe hat Katja noch eine andere Leidenschaft entdeckt: die Fotografie. In ihrer Freizeit fotografiert sie vor allem Frauen – häufig Frauen, die wie sie selbst kurvig sind und sich lange nicht als schön empfunden haben. Viele ihrer Bilder entstehen im Pin-up-Stil, verspielt, selbstbewusst und mit einem Augenzwinkern. Für Katja steckt dahinter eine klare Botschaft. Zu lange hat sie selbst gehört, ihr Körper sei falsch. Zu dick, zu wenig perfekt, nicht passend in irgendeine Norm. Heute sieht sie das anders. Für sie ist jeder Körper ein eigener Ausdruck von Persönlichkeit und Leben. Mit ihren Fotos möchte sie genau dieses Gefühl weitergeben.


Ein Leben, das nur noch ihr gehört
Wenn Katja heute hinter der Theke steht, wirkt sie angekommen. Nicht, weil alles perfekt ist, sondern weil sie gelernt hat, ihren eigenen Weg zu gehen. Die gescheiterte Beziehung, der Neustart in einer fremden Stadt und die schweren Jahre gehören zu ihrer Geschichte. Doch gerade diese Brüche haben ihr gezeigt, dass man ein Leben auch noch einmal komplett neu beginnen kann. Und so steht Katja – für alle hier einfach Kata – jeden Abend hinter ihrer Theke in Kiel, zapft Bier, hört Geschichten zu und weiß: Dieses Leben gehört jetzt ihr.