„Irgendwo am Rand der Welt“
Kaum jemand verirrt sich hierher. Das kleine Haus von Anne liegt mitten im Wald, am äußersten Rand des Bayerischen Waldes, dem Böhmerwald. Nur wenige Meter von der tschechischen Grenze entfernt. Über einen wilden Waldpfad erreichbar, muss man schon sehr genau wissen, wohin man will – der Waldweg ist schmal, unübersichtlich, und ohne Navi übersieht man die kleine Einfahrt. Doch wer bis zum Ende durchhält, findet etwas Besonderes: Annes kleine Ranch. Eine Frau Mitte 60, mit grauem, legeren Dutt, schwarzem Shirt und Doc Martens. Rundherum ihre Hunde, frei und wild, einige aus dem Tierschutz, andere einfach nur glücklich, hier zu leben. Schon beim ersten Blick spürt man: Hier schlägt ein Herz, das viel durchgemacht hat und trotzdem strahlt.
„Wenn das Leben dich auf die Knie zwingt, musst du dich selbst wieder aufrichten“
Anne´s Leben, so beschreibt sie es selbst, verlief viele Jahrzehnte sehr gradlinig. Geboren in Sakskøbing, kam sie in jungen Jahren der Liebe wegen nach Deutschland. Familie, Beruf, der Mann ein erfolgreicher Versicherungsmakler, Haus mit eigenen Garten- all das prägte ihr Leben lange, lange Zeit. Anfang 50 erhält sie dann die Diagnose Krebs. Schwere Depressionen und Panikattacken stellen sich ein. Ein dunkles Kapitel beginnt in ihrem Leben. Aus heiteren Himmel. Die Welt schien ihr auf einmal den Rücken zu kehren – nicht nur gesundheitlich. Sondern auch der Partner, die eigene Familie, Freunde, Kollegen wendeten sich ab. Sie war die Kranke, man "konnte mit ihr nichts mehr anfangen" so Anne. Ihr Körper, ihre Seele, alles fühlte sich leer an. Auf einmal war sie krank und allein. Allein, weil sie nicht mehr funktionierte. Verlassen, weil die Krankheit sie auch optisch veränderte. "Lange Zeit wusste ich nicht, ob ich das überlebe. Aber ich wusste, wenn ich das überstehe, muss ich mein Leben komplett umkrempeln,“ erzählt Anne. Sie begab sich in intensive Therapie, ließ sich in eine psychologische Klinik einweisen und kämpfte über fünf verdammt lange Jahre hinweg um ihre Gesundheit. Bis heute weiß sie, dass die Heilung nie abgeschlossen ist – dass die Seele ein Leben lang heilen muss.
„Ich wollte sichtbar machen, dass ich neu beginne“
Aber sie hat es geschafft. Mit 58 ließ Anne sich dann zum ersten Mal tätowieren – ein sichtbarer Meilenstein ihres neuen Lebens. Die Tattoos markieren nicht nur Veränderungen in ihrem Inneren, sie stehen auch für die Entscheidungen, die sie getroffen hat: sich zurückzuziehen von allem, was ihr nicht gut tut, und bewusst ein Leben zu wählen, das ihr entspricht. Ein radikaler Cut, auch mit der Familie. „Jede Linie auf meiner Haut erzählt von dem, was ich überstanden habe“, sagt sie. Schon immer war sie von Tätowierungen begeistert gewesen, aber es war nicht "angemessen". Ihr Leben bestand früher aus Präsentation und Perfektion.
„Jetzt zählt nur das echte Leben“
Noch während ihrer Therapie lässt sie sich scheiden und beginnt ihr Leben neu zu planen: Heute lebt sie bewusst sehr zurückgezogen, wählt ihre Kontakte sorgfältig aus und hat sich einen Ort der Ruhe und des Lebens geschaffen. Ihr Hof ist Zuflucht für Hunde aus dem Tierschutz in Tschechien und Slowenien, ein paar Hühner und Katzen, die einfach ihr Leben genießen dürfen haben sich hier auch niedergelassen. Abends sagt sie „Gute Nacht“ zu Hase und Igel, manchmal schaut sogar ein Fuchs vorbei. Hier, fernab von Lärm und Teilnahmslosigkeit, hat sie gelernt, dass es nicht darum geht, überall dazuzugehören: „Früher wollte man mich nicht mehr dabei haben. Jetzt möchte ICH nicht mehr dazugehören“, sagt sie, und man glaubt ihr sofort.
